Kürzlich habe ich einen Zettel an der Türe unseres Sohnes gefunden. «Verpiss dich selbst», stand darauf in grossen Kinderbuchstaben geschrieben. Offensichtlich ein Überbleibsel eines heftigen Streits zwischen unseren Kindern.

Natürlich hatte ich sofort den Impuls, für Recht und Ordnung zu sorgen. Schliesslich wissen wir ja von Friedrich Glasl, dass Konflikte die Tendenz zur Eskalation haben und es ab Stufe 4 praktisch kein Zurück mehr gibt.

Doch halt! Kinder sollen doch Konfliktkompetenz erlernen und selber Lösungsstrategien entwickeln. Dazu müsste man der Sache auf den Grund gehen, die Parteien an einen Tisch holen und deren Bedürfnisse analysieren.

So ein Streit ist aber auch ein Antrieb für Entwicklung: selbstverständlich wär’s mir lieber, wenn unsere Tochter nette Sätze wie «ich hab dich gern, grosser Bruder» auf Zettel schriebe. Doch zeugt ein richtiger Kraftausdruck auf Papier nicht auch von Durchsetzungskraft und Ausdrucksstärke?

Und schliesslich ist hinter dieser starken Emotion auch ein Verlangen nach Bindung. Die 90er-Girl-Band Tic Tac Toe hat das so beschrieben: «Verpiss dich – Ich weiss genau, ich vermiss‘ dich – Egal, verpiss dich – Du weisst genau, ich vermiss‘ dich»

«Ich hab euch gern, Kinder!»

Reto M. Zurflüh, Elternbildung Aargau