Margrit Stamm: Meine Notizen

Lasst die Kinder los! Was heisst das genau? Margrit Stamm ist als Wissenschaftlerin, die selber Kinder hat, hier. Sie sieht sich jedoch nicht als Expertin in Erziehungsfragen.

Einleitend

  • Eltern werden heute immer und überall schuldig gesprochen, meint Margrit Stamm. Sie ist da anderer Meinung.
  • Die gesellschaftlichen Erwartungen sind enorm hoch – Kinder sind unsere Zukunft, also muss man in sie investieren.
  • Heute hat man so viele Erziehungsratgeber, das bedeutet: Eltern können nicht erziehen, sie können soviel falsch machen.
  • Der Glaube an die Machbarkeit ist fatal – man kann sich nicht mehr einfach auf das Schicksal berufen.

These

Unsere elternunfreundliche Angst- und Sicherheitskultur zwingt Väter und Mütter dazu, perfekt zu sein und perfekte Kinder zu haben.

  • Vergleichsdruck beginnt mit der Schwangerschaft, man wird vermessen und mit einer Norm verglichen.
  • Die Aussage, dass jedes Kind hochbegabt sei, führt zu: Eltern=Architekten der Kindergehirne, man darf nicht verpassen, wann das Kind wie gefördert werden soll.
  • Kindergarten und Schule sind die dominanten Themen im Familienleben (60%), hat eine Studie gezeigt.

Bildungspanik

  • Wird aus meinem Kind etwas Rechtes? Nachhilfe (bei 35%) häufig bei Kindern, die gar nicht so schlecht sind in der Schule. Weiter gebe es auch Eltern, die die Freundschaften ihrer Kinder steuern. Sie achten darauf, dass ihr Kind mit Kindern spielt, die fördernd im Sinne der Eltern sind.
  • Das vermessene Kind! – Kinder werden so gefördert, abgeklärt und diagnostiziert, dass dies einer Vermessung gleich kommt.
  • 60% der Schulneulinge haben bereits Therapieerfahrungen – das Angebot schafft die Nachfrage.
  • Jedes Kind, das therapiert wird, bekommt eine Etikette: das ist das Kind mit diesem Problem – ich bin falsch, ist die Botschaft. Die Kinder bleiben in der Regel Problemkinder. Heute darf man nicht warten, man muss schnell handeln. Kinder werden zu Patienten gemacht, obwohl sie vielleicht nur ein wenig von der Norm abweichen.

Partnerschaftliche Erziehung – mein Sohn ist mein bester Freund.

  • Viele Eltern (57%) sagen gemäss Studie, dass sie das gut finden. Das belastet ein Kind – da stimmt etwas nicht.
  • Autorität ist besser als Freundschaft, es ist ein positives Merkmal einer Kinder-Eltern-Beziehung. Heute spricht man von einem autoritativen Erziehungsstil. Liebe, Zuneigung, Wertschätzung, Kooperation, Regeln, Normen und eine Hierarchie – ist der förderlichste Erziehungsstil in Bezug auf eine gute Entwicklung der Kinder.
  • Das Königskind – das Kind ist im Mittelpunkt, es ist die Sonne, um das sich alles dreht. Sie werden früh in Entscheide einbezogen. Diese Partizipation ist oft eine Überforderung.
  • Das Kind steht als fertige Persönlichkeit da – Der kompetente Säugling (ein Buchtitel). Das Buch zeigt auf, wie viel im Säugling schon steckt, der Titel jedoch ist eher bedenklich. Man muss Kinder nicht einfach wachsen lassen, sie brauchen Orientierung. Normen braucht es um zu reifen.
  • Kinder, die kein Nein ertragen, Wutausbrüche und Schreikrämpfe bekommen, wenn sie sich ausser Haus in eine Gruppe einreihen müssen: Anpassung und Integration wird erschwert, Bedürfnisse können nicht aufgeschoben werden.

Überbehütung und Verwöhnung – Elterntaxi!

  • Heute: Gute Mutter = intensive Mutter, das Kind kommt immer an erster Stelle, die Mutter versucht es glücklich zu machen, es soll gut herauskommen. Man vermeidet, das Kind anzustrengen (zu lange im Buggy, weil es eilt), man lässt das Kind nicht trödeln, sondern schliesst selber den Reissverschluss, man schmuggelt das Handy in das Lagergepäck, man macht die Hausaufgaben des Kindes, Sporttasche des Kindes packen, Entlastung von häuslichen Pflichten – man sollte das Kind ab und zu reinlaufen lassen, damit es die Folgen seines Verhaltens erleben kann.
  • Nur noch etwa 25% der Kinder haben heute häusliche Pflichten.
  • Das abhängige Kind – eine Folge von Überbehütung. Solche Kinder fallen an der Uni sehr auf, bei der Einführung sitzen oft Eltern mit dabei, die fleissig Fragen für ihr Kind stellen, das daneben sitzt. Die Schweiz ist ein Land der Shuttle-Kids. Jedes 5. Schulkind wird zur Schule gefahren. Kinder machen dadurch zu wenig selbständige Lernerfahrung, sie entwickeln keine oder nur wenig Resilienz. Sie sind nicht für die Schwierigkeiten des Lebens gewappnet, sie erleben sich schwach und hilfsbedürftig, dabei wären sie sehr stark.

Sicherheitsangst und Risikoscheu – dies wird viel zu wenig beachtet.

  • Schon während der Schwangerschaft wird überlegt, wie das kleine Kind rund um die Uhr bewacht werden kann. Es gibt eine riesige Baby-Industrie dazu. Die Medien diskutieren Pädophilie auf eine Art und Weise, dass Männer sich kaum mehr getrauen, auf kleine Kinder zuzugehen. Weiter wird der plötzliche Kindstod total dramatisiert. Man muss vertrauen entwickeln, man kann nicht alles verhindern.
  • Das gefährdete Kind – das freie Spiel draussen gilt bei vielen Eltern als Risiko. Die Spielzeit der Kinder ist in den letzten 10 Jahren um ⅓ gesunken. Spielplätze sind für grössere Kinder langweilig, sie wollen da nicht mehr spielen, die Spielplätze sind sicher und klinisch. Kinder wollen in die Natur.
  • Das freie Spiel in der Natur ist gemäss Studien die beste Frühförderung. Heute gibt es spielunfähige Kinder. Dies stellen Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen fest. Sie sind gewohnt, in Kurse zu gehen, organisierte Freizeit zu haben. Wenn nichts läuft, langweilen sie sich, wissen nicht, wie die freie Zeit zu nutzen. Die Langeweile der Kinder ist oft für Eltern schwer auszuhalten. Dabei: Langeweile ist das Segel der Seele! – Nietzsche
  • Kinder lernen, dass aufwachsen gefährlich ist.

Was ist eine gute Erziehungsstrategie?

  • Schauen Sie in den Spiegel, erkennen Sie sich selber, sind Sie wirklich ein Modell, dass das macht, was Sie sagen. Kinder schauen sich vieles ab. Sie imitieren die Erwachsenen. Es genügt, hinreichend gute Eltern zu sein, man muss nicht überall perfekt sein.
  • Aufbau einer positiven Autorität – klares Rollenverständnis, das eigene Smartphone auf den zweiten Platz setzen!
  • Stärken der kindlichen Autonomie – eine zu gross Nähe zum Kind korrigieren, das Kind auch negative Erfahrungen machen lassen.
  • Entwicklungstempo des Kindes als Massstab nehmen – nicht alle Kinder entwickeln sich gleich schnell. Dem Spiel einen Stammplatz geben, persönliche Vorstellungen zurück stellen, Warnsignale erkennen.
  • Selbstbewusster und unabhängiger werden – das tun, was man im Kern als gut empfindet und nicht einfach das, was Experten, Nachbarn, Verwandte sagen.
  • Alles auch mit Intuition angehen – Das Hinderliche an Überinformation erkennen, Intuition ist das gefühlte Wissen. Gepflegte Intuition ist eine gute Erziehungsgrundlage.

Bemerkungen zu Fragen

  • Durchsetzungsfähigkeit und Frustrationstoleranz sind für später viel wichtiger als Noten
  • Frühförderung bezieht alle Sinne mit ein – das heisst: banale Alltagsdinge bewusst und mit Zeit tun.

Notizen von Marianne Steiner, Elternbildung Aargau, anlässlich des Referats von Margrit Stamm am Elternbildungstag Region Baden. Moderiert wurde der Anlass von Yvonne Feri, @yferi.

Foto: nach dem Mittagessen geknipst, die Wendeltreppe der Berufsschule BBB, Martinsberg, Baden
Mehr zu @MargritStamm finden Sie auf ihrer Website.

2017-03-18T08:38:32+00:00