Die Frau isst keine Kinder

Heute früh in Zofingen ist eine Schulklasse eingestiegen – in den Zug natürlich. Ein lautes Gewussel von kleinen Kinder, erstes Schuljahr, nehme ich an.

Die Lehrerin informiert die kleinen Buben: Die Frau isst keine Kinder! Die Frau, das bin ich. Für die Buben bin ich kein Problem. Zwei setzen sich gleich neben mich auf die Bank und das bevor sie erfahren haben, dass ich sie nicht essen werde. Es geht tip top, wir haben gut Platz.

Nachdem die Buben Bildlis mit reichlich Eselsohren ausgetauscht haben, wird das Futter ausgepackt: Wir essen jetzt nicht, tönt es von schräg oben herab. Aha! Klar, das tut man nicht. Während die Tupperwarebox mit Popkorn des Buben gegenüber sofort wieder im Rucksack verschwindet, behält der schmale Wurf neben mir seine Kostbarkeit in den Händen. Es handelt sich um eine Rolle Alnatura Guezli, die zusätzlich in einer Plastiktüte steckt. Versonnen zieht er die Rolle aus der Tüte, dann steckt er sie wieder rein, rollt er das Ganze zusammen, um sogleich den ganzen Ablauf zwei, drei Mal zu wiederholen – wortlos. Als ich kurz darauf wieder hinschaue, ist die Rolle weg und er hat ein Täfeli in der Hand. Dreht auch dieses gute Stück im Papierchen hin und her. Dann geht es schnell, Papierchen weg, Täfeli in den Mund, ich kippe den Abfalleimer auf, Papier rein, er bedankt sich – es ist nichts passiert, oder?

Von schräg oben herab erkundigt man sich nach dem Wohlbefinden der kleinen Gruppe um mich. Alles ok, ich habe bis jetzt noch nicht zugebissen, denke ich. Sie sollen die Jacken ausziehen, fährt sie fort, es sei heiss und werde immer heisser. Die Buben gehorchen mechanisch, ausser einem. Er fragt, ob er das Sweatshirt auch ausziehen soll – ja, muss er. Ich hingegen sehe nur zwei, die heiss haben und immer heisser haben werden: Sie, die von schräg oben herab spricht und ich, die keine Kinder esse!

Bei der dritten Nachfrage nach ihrem Befinden sagt der andere Bub auf meinem Sitz: Mir ist schlecht! Oh, was ist mit dir, fragt die Stimme von schräg oben herab. Stimmt gar nicht, lacht der Bub. Von weiter hinten im Wagen höre ich: Was, wem ist schlecht? Stimmt gar nicht, wird nach hinten gerufen und zurück kommt die strenge Antwort: Damit macht man keinen Spass, ist das klar! Der Bub lacht in unsere kleine Runde, wir lachen auch.

Kurz nach Aarburg will mein schmächtiger Sitznachbar wissen, was hinter dem Icon mit der Spinne auf meine iPad ist. Ich öffne das App, es ist Spidersolitär. Wir gucken alle und ich mache eine Demonstration. Sie begreifen schnell. Kurz bevor ihre Finger den Weg auf mein Tablet gefunden haben, sagt die Stimme von schräg oben herab: In Olten habt ihr dann mehr Platz, weil Leute aussteigen. Ich erhebe mich, von schräg oben herab heisst es: ah, die Frau geht, ihr könnt sitzen bleiben.

Nun, ich glaube, die hätten ganz gerne gehabt, wenn die Frau geblieben wäre, wo sie doch gerade das Spiel begriffen hatten und gebissen hat sie auch nicht.

Das ist eine Alltagsgeschichte, nichts Besonderes oder doch? Ist es wirklich nötig, Kinder dermassen zu managen? In der Suchtprävention redet man von der gleichwürdigen Beziehung, einer Beziehung auf gleicher Augenhöhe. Das ist möglich, auch zwischen Kindern und Erwachsenen, zwischen Lehrpersonen und schmächtigen und weitern Schulkindern. Eine gleichwürdige Beziehung stärkt Kinder.  Wenn wir an unseren Workshops und Weiterbildungen darüber sprechen, merken viele Erwachsene: Ja, das ist es, damit muss ich mich auseinandersetzten, das möchte ich beherzigen. Die Erfahrungen damit sind sehr gut.

Marianne Steiner-Gygli, pendelt seit Jahrzehnten mit dem Zug, Bereichsleiterin Suchtprävention Aargau und Leiterin der Elternbildung Aargau

 

2019-06-20T15:47:09+02:00